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Jüdisches Museum - keines wie jedes andere

Am 23. Juni diskutierte der Kultur- und Schulsenat (KSS) unter anderem darüber, inwieweit für Führungen im Jüdischen Museum am Wolfsthalplatz künftig für Schulklassen Gebühren genommen werden sollen. Bislang waren für Schulklassen die Führungen kostenlos. Die KI hatte dazu folgenden Antrag gestellt:

"TOP 4 KSS heute 23.6.2010 - Führungsgebühr von 50 Euro für Schulklassen im jüdischen Museum!

an den Oberbürgermeister der Stadt Aschaffenburg - dringend:

Heute ist auf der KSS Sitzung in Punkt 4 ein Beschlussvorschlag, der unserer Meinung nach nicht so umgesetzt werden darf.

Aus folgendem Grund:

Die Gebühr von 50 Euro pro Klasse, die das jüdische Museum besuchen ist ein Riesenhindernis! Viele Schulklassen besuchen im Rahmen ihres Sozialkunde, Religions- und Ethikunterrichtes oder auch in Geschichte dieses Museum. Neuerdings nun von diesen eine Gebühr von 50 Euro zu verlangen wird zu einem Einbruch der Besucherzahlen durch Schulklassen führen. Das ist in Anbetracht unserer Geschichte und der Lehren die wir daraus ziehen sollen und unseren Kindern und Jugendlichen vermitteln sollen untragbar.

Viele Schulklassen der Berufsschule in den oben genannten Fächern nutzen momentan das Angebot des jüdischen Museums. Die Schüler dort sind nicht unbedingt diejenigen aus betuchten Elternhäusern - anders wie in Gymnasien! Die Schüler in dem Alter werden soundso immer mehr zur Kasse gebeten: Kopiergeld, keinen Zuschuss mehr für den ÖPNV etc.

Die Einführung der Gebühr verstößt auch gegen das Prinzip, dass die Bildung frei sei! Auch wenn dieses Prinzip immer mehr in Vergessenheit gerät.

Die Lösung wäre die Erhöhung des Stundenkontingentes bzw. dass für Schulklassen nach wie vor die Führung kostenlos ist."

Am 25. Juni berichtete das Main-Echo breit über die Diskussion: 

"Fürs Leben lernen: Kultur ist wertvoll

Jüdisches Museum: Gebühren für pädagogisch ausgerichtete Führungen geplant - 50 Euro pro Schulklasse

Aschaffenburg  Kultur ist viel wert und darf daher auch etwas kosten: Der Kultur- und Schulsenat des Stadtrats hat sich diesen Appell des Oberbürgermeisters zu Herzen genommen und einstimmig ein neues Führungskonzept für das Museum jüdischer Geschichte und Kultur (Haus Wolfsthalplatz) gebilligt. Für die neuen Themenführungen müssen Besuchergruppen allerdings bezahlen - auch wenn es Schulklassen sind.

Das Interesse am jüdischen Museum ist groß, begründete Dr. Thomas Richter, der Leiter der städtischen Museen, den Vorschlag, den er mit der Leiterin des Führungsnetzes, Ina Paulus, und der Betreuerin des Hauses Wolfsthalplatz, Petra Gehrig, entwickelt hat. Bis zu 4000 Besucher im Jahr besichtigen die Ausstellung. Zum Großteil seien es Schulklassen.

Geschultes Team

Bisher werden sie von Petra Gehrig oder Edna Dähne (Verwaltung) geführt, und zwar kostenlos. Das sei aber nicht mehr zu schaffen, unterstrich Richter. Künftig soll und will sich daher - zusätzlich - das Führungsnetz der Volkshochschule einbinden.

Ina Paulus stellte den Plan vor. Ein sechsköpfiges geschultes Team, dem auch Petra Gehrig und Edna Dähne angehören, übernimmt Führungen, die nach museumspädagogischen Konzepten für alle Altersstufen gestaltet sind. Für das Grundschulalter ist das exemplarisch bereits geschehen. Die Themenführungen werden über das Führungsnetz gebucht - und sie kosten die übliche Gebühr.

• Für Schulklassen sind das 50 Euro (etwa zwei Euro pro Schüler). Erwachsenengruppen sollen 66 Euro für die Führungen bezahlen.

Eintritt bleibt frei

• Dieser Vorschlag nehme Rücksicht auf den besonderen Charakter des Museums für jüdische Geschichte und Kultur, unterstrich Ina Paulus. In den anderen Museen in der Stadt komme zur Führungsgebühr noch das Geld für den Eintritt, der im Haus Wolfsthalplatz jedoch frei bleiben soll.

• Schulklassen müssen nicht zwingend die neuen Angebote buchen. Es soll weiterhin die bisherigen kostenlosen Führungen geben, allerdings beschränkt auf Mittwoch.

• Petra Gehrig bietet auch künftig Spezialführungen zu besonderen, etwa religiösen Schwerpunkten an. Und sie leistet unverändert die individuelle Betreuung von Einzelbesuchern und Familien ehemaliger jüdischer Bürger Aschaffenburgs.

Dennoch gab es im Kultursenat Kritik an den Gebühren für Schulklassen. Johannes Büttner (Kommunale Initiative) und zunächst auch Walter Roth (SPD) sprachen sich dagegen aus. Ihr gemeinsames Argument: Das Museum für jüdische Geschichte und Kultur sei »keines wie jedes andere«. Wenn die Stadt »das Interesse an diesem Kapitel deutscher Geschichte wach halten« wolle, müssten alle Führungen für Schulklassen kostenlos bleiben.

Roth lenkte ein, nachdem Richter einen Kompromissvorschlag der SPD aufgegriffen hatte: Die Öffnungszeit für kostenlose Führungen am Mittwoch wird auf acht Stunden ausgedehnt . Das Konzept hatte ursprünglich vier Stunden (statt derzeit zwei) vorgesehen.

Kein Gewinn geplant

Büttner, der im Kultur- und Schulsenat kein Mitglied und daher nicht stimmberechtigt ist, blieb bei seiner Kritik. Er hatte beantragt, die Gebühr für Schulklassen zu streichen. Der Senat lehnte es jedoch ab, sich mit diesem Antrag zu befassen.

Herzog, Richter und Paulus verteidigten die Gebühr. Sie decke rein die Aufwendungen für das qualifizierte Personal, das nun einmal nicht ehrenamtlich arbeiten könne, sondern davon leben müsse. Die Stadt erziele keinen Gewinn aus der Gebühr. Andererseits könne sie die Aufwendungen nicht übernehmen, unterstrich Herzog mit Blick auf die Defizite der Kultureinrichtungen und den Sparzwang der Stadt.

Für ihn habe das auch eine pädagogische Bedeutung, so Herzog weiter. Mit der geringen Führungsgebühr lernten die Schüler, dass Kultur und Leistung einen Wert besäßen. Und dass sie im Gegenzug Qualität fordern könnten, wenn sie dafür bezahlten.

Schulen können helfen

Unterstützung bekam die Verwaltung von Gabriele Bokr, Bernd Pattloch und Horst Kirchner (CSU), Rosi Ruf (Grüne) und Alfred Streib (UBV). Die Gebühr gelte für die zusätzlichen Führungen, hinter denen eine entsprechende museumspädagogische Arbeit stecke.

Dass sich Schüler die Gebühr nicht leisten könnten, sei kaum zu befürchten. Alle Schulen hätten Möglichkeiten, bedürftigen Schülern Kosten abzunehmen. Kirchner unterstrich das aufgrund seiner 30-jährigen Erfahrung als Lehrer: »Im Notfall übernehmen Schulen 350 Euro für die Teilnahme an Klassenfahrten. Da sollte ein Museumsbesuch an zwei Euro nicht scheitern.«  Peter Freudenberger"

Als die KI das Main-Echo darauf aufmerksam macht, dass der als "Kompromiss" titulierte Beschluss gar keiner ist, erscheint am 2. Juli ein weiterer Artikel, hier die wesentlichen Auszüge: 

Stadt will Schüler gewinnen, nicht ausgrenzen«

Gebühren: Museumsleiter Richter verteidigt Entgelt für Klassen - Alle Führungen im jüdischen Museum betroffen

Aschaffenburg  Der gute Kompromiss ist keiner: Anders als in der Ausgabe vom 25. Juni berichtet, wird es im Museum für jüdische Geschichte und Kultur am Wolfsthalplatz keine kostenlosen Führungen durch städtisches Personal mehr geben. Darauf hat KI-Stadtrat Johannes Büttner aufmerksam gemacht. 

Der Kultur- und Schulsenat des Stadtrats hatte vergangene Woche einstimmig beschlossen, für museumspädagogische Führungen durch ein Team des Aschaffenburger Führungsnetzes im jüdischen Museum eine Gebühr von 50 Euro pro Schulklasse und 66 Euro bei Gruppen erwachsener Besucher zu erheben. Der Bericht und der Kommentar zu dieser Senatssitzung gingen davon aus, dass es alternativ dazu weiterhin die bisherigen kostenfreien Führungen für Schulklassen geben werde.

Kostenlos - wenn Lehrer führen

Das ist nicht der Fall, wie der Leiter der städtischen Museen, Dr. Thomas Richter, bestätigte. Zwar können Schulklassen mittwochs das Haus Wolfsthalplatz kostenlos besuchen, die Öffnungszeiten werden dazu von jetzt zwei auf acht Stunden ausgeweitet. Die Führung müsse dann aber von der Lehrkraft übernommen werden. Die bisherigen Führungen würden in das neue Angebot integriert, das sich nur gegen Gebühr buchen lässt.

Die Lehrkräfte seien dazu in der Lage, erläuterte Richter auf Nachfrage. Der Besuch von Schulklassen im jüdischen Museum sei Teil des Unterrichts, einige Lehrkräfte übernähmen die Führung schon jetzt selbst.

Nachdrücklich verteidigte Richter die Gebühr. Das Museum wolle mit dem Führungsnetz der Volkshochschule das Angebot erweitern und vertiefen sowie die Vermittlung verbessern. Das sei der Bildungsauftrag. Mit der Gebühr werde nur das nötige Know-how finanziert. Ohne geschultes Personal lasse sich der Bildungsauftrag nicht erfüllen - und unentgeltlich seien Leute, die das Wissen auch vermitteln könnten, nicht zu bekommen.

»Schlimme Fehlentscheidung«

Der Aschaffenburger Frank Sommer hat sowohl den Beschluss des Kultur- und Schulsenats als auch den Kommentar (»Guter Kompromiss«) scharf kritisiert. Es handele sich um eine schlimme Fehlentscheidung mit fatalen politischen Folgen.

Wer die Aufklärung der jungen Generation über die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bürger Aschaffenburgs mit einer »saftigen Gebühr« von 50 Euro pro Schulklasse belege, setze sich dem Verdacht aus, dass er diese Aufklärung in Wirklichkeit nicht mehr wolle - oder nur noch »gegen Bares«.

Richter weist das zurück. Die Gebühr von 50 Euro pro Klasse, etwa zwei Euro pro Schüler, sei erstens nicht saftig. Sie liege im Vergleich mit ähnlichen Einrichtungen anderer Städte, die allesamt gebührenpflichtig seien, im unteren Drittel. In der Senatssitzung sei bereits deutlich geworden, dass der Museumsbesuch von Klassen oder einzelnen Schülern an der Gebühr nicht scheitern müsse, weil alle Schulen in Härtefällen helfen könnten.

Aufklärung soll gewinnen

Zweitens gehe es nicht darum, mit der Gebühr Schulklassen auszugrenzen. Mit neuen museumspädagogischen Angeboten, themenorientierten und altersspezifischen Führungen wolle die Stadt weitere Schulklassen und Besuchergruppen gewinnen, die Aufklärung also verbessern und nicht verhindern. Geht die Rechnung nicht auf, kann der Stadtrat die Gebühren nach einer sechsmonatigen Probezeit zurücknehmen.

Schon in der Senatssitzung hatte Richter davor gewarnt, die Bedeutung des jüdischen Museums ausschließlich vor dem Hintergrund des Holocaust zu betrachten. Selbstverständlich bleibe das der Schwerpunkt, präzisierte der Museumsleiter auf Nachfrage. Es gehe aber gerade mit den neuen Führungsangeboten um weit mehr: Die gesamte Entwicklung des jüdischen Lebens und jüdischer Kultur von den Anfängen bis heute würden dargestellt. »Das alles lässt sich an diesem Ort fokussieren.« 

Entgelt für Kompetenz

Gerade der Gegenwartsbezug sei ein wichtiger Aspekt der Aufklärungsarbeit. Es gehe darum, die Lehren aus der Vergangenheit auf die Gegenwart zu übertragen, die Schüler aus der Rolle distanzierter Betrachter herauszuholen, sie emotional zu berühren.

Denn das Interesse von Jugendlichen an der Auseinandersetzung mit der Geschichte lasse sich nicht dadurch fördern, dass für die entsprechenden Angebote keine Gebühren erhoben würden. Das Interesse lasse sich nur gewinnen mit guten Führungen, abwechslungsreichen und ansprechenden Themen. Dazu brauche es »Kompetenz, Kraft und Hilfe« von außen - gegen Entgelt.

Museum oder Dokumentation?

Sommer stellte in seinem Brief an die Redaktion auch den Namen »Museum für jüdische Geschichte und Kultur« in Frage. Es handele sich lediglich um eine »Dokumentensammlung sehr bescheidenen Umfangs«, die allenfalls zur Keimzelle eines späteren Museums werden könne. Von den Bemühungen der Stadt, die dafür nötigen Materialien und Artefakte zu beschaffen, sei bisher aber nicht viel zu sehen.

Richter nannte es als Ziel, das Haus am Wolfsthalplatz zu einem Ort zu entwickeln, an dem die Besucher Zeitzeugnisse finden und sie in einer profunden Art und Weise erklärt bekommen. »Da kommen Dokumentation und museale Aspekte zusammen.« Deshalb, und nicht aus lokalpatriotischer Selbstüberschätzung habe die Stadt den alten Namen »Dokumentationszentrum« durch den neuen ersetzt.

Richter räumte ein, dass der Weg zum Museum noch weit sei. Die Stadt beschreite ihn aber. Schon im Senat hatte der Museumsleiter berichtet, dass erste Exponate die Dokumentation bereicherten. In dieser Woche hat die konservatorische Aufarbeitung weiterer Exponate begonnen: 26 Torawimpel aus den Jahren zwischen 1832 und 1933 aus dem Altbestand des Museums.  Peter Freudenberger"